- Genforschung - Würde des Menschen -

- Naturwissenschaftliche Grundlagen und ethische Konsequenzen –

Im großen Saal der Gemeinde Zur Heimat fiel eine besondere Dekoration auf.

Drei Stellwände an der Frontseite zeigten dicht an dicht Zeitungsausschnitte der letzten Monate, ein Spiegel der lebhaften Diskussion über die Fragen der Gentechnik in den Medien und verwirrender Querschnitt durch die kontroversen Standpunkte von Wissenschaftlern, Politikern und Kirchenvertretern. „Wir rechnen damit, dass die Möglichkeiten der Lebenswissenschaften an den Grundwerten unserer Gesellschaft rütteln," heißt es im gerade erschienenen Wort der Deutschen Bischofskonferenz zu Fragen von Gentechnik und Biomedizin und „unerlässlich ist es deswegen, sich... mit den neuen Erkenntnissen und ihren Auswirkungen vertraut zu machen, ..“. Dies war das Anliegen, das am 24. März gut 50 Interessierte aus unseren Gemeinden zusammenführte.

Mit Lied und Psalmgebet, sowie Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament stimmten wir uns ein auf den großen Zusammenhang von Schöpfung und Schöpfer. Dann hatte Herr Freese als Biologe das Wort. Er verstand es vorzüglich, Fakten und Prozesse, die der Fortpflanzung und Entwicklung aller Organismen zu Grunde liegen, deutlich im Detail und klar im Zusammenhang darzustellen und die Hauptbegriffe mit Folien zu veranschaulichen. Es wurde gezeigt, auf welche Weise die sexuelle Fortpflanzung die Schaffung von Vielfalt und Individualität garantiert und erst diese wiederum eine Evolution ermöglicht, dass also ohne Individualität keine Weiterentwicklung stattfände. Es wurde erklärt, dass das Klonen die ältere Art der Fortpflanzung ist - nämlich die ungeschlechtliche, die genetisch gleichartige Nachkommen (Klone) entstehen lässt, und auf welche Weise der Mensch bisher diese Klone genutzt hat (Stecklinge, Kartoffelknollen u.a.).

Nun ist aber der Mensch selbst zum Kloner geworden. Bei der Darstellung der Klontechnik ging Herr Freese besonders auf das Schaf Dolly ein und machte klar, wie verbrauchend diese Methode ist: Von rund 270 präparierten Zellen am Start entwickelten sich nur 12 bis zur Geburt, und von diesen blieb Dolly neben 11 Missgeburten das einzige gesunde Schaf!

Nach Beispielen solch reproduktiven Klonens kam der Referent auf das therapeutische Klonen und betonte, dass sich dieses zwar im Ziel von ersterem unterscheidet (kein vollständiges Individuum, sondern einzelne verschiedene Zellgewebe), nicht aber in der Herstellungsart, also der Schaf-Dolly-Methode, was für die ethische Bewertung von Bedeutung ist. Die für die Klontechnik - und nicht nur für diese - so wichtigen Stammzellen wurden dabei nach Begriff und Funktion sowie nach ihrem unterschiedlichen Vermögen, neue Zellen zu bilden, vorgestellt. 

Am  Schluss  stand der Blick  auf die frühen Entwicklungsstadien des menschlichen Embryos, insbesondere auf die der ersten 14 Tage, die bereits in England legal für Experimente freigegeben worden sind. Und besonders dieses Anschauungsmaterial spielte dann im nächsten Referat eine wichtige Rolle.

Frau Dr. Barbara Hepp von der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg war in ihren Ausführungen ebenso klar und lebendig, so dass wir auch ihrem Vortrag mit spürbarer Konzentration folgten.

Ausgangspunkt ihrer Darstellung war die besondere Stellung des Menschen in der Schöpfung. Dabei entsprach sie völlig dem, was im Wort der Bischofskonferenz aus biblischer Sicht vom Menschen gesagt wird. Das Problem sei nicht, dass er in die Natur eingreift, sondern w i e er das tut. Die besondere Qualität, die ihm als Ebenbild Gottes von vornherein zukommt, müsse aber auch den Umgang des Menschen mit sich selbst bestimmen, wie etwa in der Forderung, dass der Mensch niemals nur als Mittel zum Zweck, sondern stets zugleich als Selbstzweck behandelt werden muss, oder wie in der Formulierung unseres Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar.

Danach ging es speziell um ethisches Handeln in Forschung und Wissenschaft und um - nicht nur von Christen - anerkannte Maßstäbe für die Beurteilung. Zu den genannten Kriterien gehört z.B., dass ein Projekt für die Öffentlichkeit transparent gemacht wird. Der italienische Arzt Severino Antinori, der als erster Menschen klonen will, ignoriert z.B. diesen Anspruch auf Öffentlichkeit. Sein Vorhaben ist allein schon aus diesem Grund abzulehnen.

Besonders problematisch ist, dass kein allgemeiner Konsens darüber besteht, ab wann der Embryo schutzwürdig ist. Indem die kath. Kirche die Schutzwürdigkeit schon auf die noch unbefruchtete Eizelle bezieht (keine künstliche Empfängnisverhütung), verlegt sie den Zeitpunkt schon vor den Befruchtungsvorgang. In England wird diese wie oben erwähnt auf den 14. Tag danach fixiert. Der Nutzwert für Forschung und Medizin wird hier also höher eingestuft als der Wert menschlichen Lebens im Embryonalstadium.

Weniger belastet von solcher Problematik erscheint die Gewinnung von Stammzellen aus Zellen bereits geborener Menschen. Dafür ist diese technisch noch schwieriger und auch weniger effektiv. Von allen Methoden, Stammzellen zu gewinnen, bleibt jedenfalls der Weg des therapeutischen Klonens am bedenklichsten, denn damit riskiert man, die Tür zur Menschenzüchtung aufzustoßen.

Nach dem anstrengenden, aber gewinnbringenden Vormittag wurden wir in St. Otto durch ein besonders schmackhaftes, mehrgängiges Mittagessen belohnt, und die Köchin - Frau Thonert - mit besonderem Beifall bedacht.

Beide Referenten, denen wir das Gelingen unseres Gemeindetages entscheidend zu verdanken haben, standen uns für das Gespräch im Plenum danach nochmals zur Verfügung. Stärker als am Vormittag stand jetzt die Präimplantationsdiagnostik (PID) im Mittelpunkt der Fragen, also das Aussortieren von Embryonen mit unerwünschten genetischen Schäden, und damit das Problem der Akzeptanz von Behinderung und Behinderten. Aber die Sorge, dass wir uns mit dem berufsmäßigen Verbrauchen und Aussortieren früher menschlicher Lebensstadien vom Bild des Menschen als Ebenbild Gottes entfernen und dafür ein anderes Bild Macht gewinnt, diese Sorge bleibt in jedem Fall berechtigt.

Diese Sorge fand in der abschließenden Agapefeier nochmals in Gebetsform ihren Ausdruck Texte und Lieder, sowie der Tisch mit Kerzenschmuck, Brot, Früchten und Traubensaft waren vom Ökumenekreis vorbereitet worden wie auch schon der Imbiss für das Beisammensein nach dem ökumenischen Gottesdienst am Vorabend. Ein Herzstück dieses Gottesdienstes, die Dialogpredigt, schien am letzten Tag gefährdet dadurch, dass Pfarrerin Hornschuh-Böhm plötzlich absagen musste. Pfarrer Kreibohm sprang kurzentschlossen als Predigtpartner ein: Ein schöner Beweis für die Flexibilität dieser Predigtform und die unserer Pfarrer.

 

Wie schon gewohnt sangen die Chöre unserer drei Gemeinden. Diesmal eine moderne, mehrteilige Kantate, komponiert zum Kirchentag 1989 von Helmut Barbe nach Versen von Jochen Klepper: „Unsere Zeit in Gottes Händen“. - Auch die Zeit unseres Daseins als Embryo -.

(redakt. etwas gekürzt)                                           Marita Waldow

 


 Schreiben Sie uns

Ihre Wünsche und Anregungen an  klaus.bergenthal@t-online.de