Wasser – Lebensspender und zerstörerische Flut

 

Die Verwiesenheit des Menschen auf das Wasser ist uns durch die Flutkatastrophen in den vergangenen Wochen wieder einmal besonders deutlich vor Augen geführt worden. Alles Leben auf der Erde kommt aus dem Wasser und so ist es nicht verwunderlich, dass dieses Element in den mythischen Erzählungen der Völker und in den religiösen Texten einen besonderen Stellenwert einnimmt. Die den biblischen Schriften entstammenden Schilderungen sind uns in der Regel recht geläufig. Dass Gott am dritten Tag das Land vom Wasser schied, wie es in der Genesis heißt, wissen wir. Auch die Geschichten von der Sintflut und Gottes Bund mit der Erde im Regenbogen oder der Auffindung des kleinen Mose im schwimmenden Binsenkästchen sind uns gegenwärtig. Auf meinen Reisen habe ich andere mythische Schöpfungsgeschichten, die mit dem Wasser zu tun haben, kennen gelernt. Vier besonders schöne davon seien hier nacherzählt; sie stehen für die Kontinente Afrika, Amerika, Asien und Australien.

 

Der große Schöpfergott macht den Menschen aus Lehm

(aus dem Gebiet der Großen Seen in Zentralafrika)

Als der große Schöpfergott die Wälder und das Grasland geschaffen hatte, formte er die Menschen aus Lehm, Ton, Schlamm und Mergel. Er formte sie wie kleine Figuren und blies ihnen den Lebensatem ein. Da sie alle aus der dunklen Erde geschaffen waren, waren sie alle braun, dunkelbraun und schwarz. Um sie zu erfreuen schuf der große Schöpfergott auch einen See, in dem sie alle eintauchen konnten, um ihre Haut weiß zu machen. Als erste drängten sich diejenigen in den See, die in Europa und Nordamerika leben wollten. Sie tauchten ein und wurden ganz weiß. Später kamen diejenigen, die in Südamerika und in Asien leben wollten. Sie fanden nicht mehr so viel Wasser vor und wurden nicht mehr ganz weiß. Die Afrikaner konnten erst ganz zum Schluss an den See gelangen. Es war nur mehr wenig Wasser vorhanden, so dass sie nur die Hände und Fußsohlen eintauchen konnten. Deshalb haben die schwarzen Menschen Afrikas weiße Handflächen und Fußsohlen.

 

Xhiahunaco läßt die Berge versinken

(aus der Gegend um Tiahuanaco in Bolivien)

Xhiahunaco hatte die Menschen erschaffen und freute sich über ihr eifriges Treiben. Da sie aber auch schlimme Dinge taten, beschloss er, sie zu bestrafen. Also ließ er die Berge im Wasser versinken. Für die Inkas steigt nämlich nicht das Wasser immer höher, sondern für sie versinken die Berge im Wasser. Als die Berge immer tiefer im Wasser versanken, flüchteten sich die Menschen auf die höchsten Gipfel, suchten in Höhlen Schutz und riefen um Hilfe. Manche verschalten ihre Häuser mit Brettern, so dass sie wie Schachteln auf dem Wasser schwimmen konnten. Erst als ihre Not am Größten war, hatte Xhiahunaco ein Einsehen und ließ die Berge wieder steigen. Die Menschen saßen in ihren schwimmenden Häusern und in den Höhlen und trauten sich nicht heraus. Da beobachteten sie wie eine Eidechse aus ihrer Höhle kam und die Umgebung untersuchte. Als die Eidechse wieder in der Höhle verschwand, wussten die Menschen, dass es noch nicht Zeit sei, den Schutz zu verlassen. Ein zweites Mal geschah das Gleiche. Als die Eidechse zum dritten Mal erschien und davon lief, wussten die Menschen, dass sie wieder auf das Land zurückkehren konnten.

 

Svayambhu erscheint als Lotusblüte

(aus dem Kathmandu-Tal in Nepal)

Die Überlieferung erzählt, das heutige Kathmandu-Tal in Nepal sei in Vorzeiten ein einziger großer See gewesen. Aus China sei dann der Bodhisattva (Buddha) Manjushri gekommen und habe sich am Ufer des Sees niedergelassen. Als Lotusblüte erschien über dem Wasser die Gottheit Svayambhu und Bodhisattva meditierte über sie. Schließlich entschloß er sich, das Tal zu kultivieren. Er schug daher in die südliche Bergkette eine Kerbe, und nachdem das Wasser abgeflossen war, erbaute er eine Stadt, die er Patan nannte. Danach setzte er einen König ein und ging selbst wieder zurück nach China. Die Stadt selbst soll von einer hohen Mauer umgeben gewesen sein, habe acht Tore in acht Richtungen gehabt und in der Mitte habe eine Königshalle mit vier goldenen Pforten gestanden. An der Quelle, die den See speiste, leben in unterirdischen Räumen heilige Schlagen, die für den Regen im Kathmandu-Tal sorgen und so die Felder der Menschen bewässern. Svayambhu verehren sie im Heiligtum von Svayambhunath in der Lotusblüte, dort, wo der Bodhisattva die Kerbe in die Berge geschnitten hatte.

 

Die Ahnen singen ihren Weg durch die Welt

(von den Aborigines in Australien)

Am Anfang war die Erde eine unendliche, finstere Ebene, getrennt vom Himmel und vom grauen Salzmeer. In weiter Ferne lebten die Himmelsbewohner ohne zu altern in ihrem grünen, wasserreichen Paradies jenseits der Wolken. Auf der Erde gab es nur einige Höhlungen, die eines Tages Wasserlöcher sein würden. Es gab keine Tiere und keine Pflanzen, doch um die Wasserlöcher ballte sich breiig die Ursuppe – lautlos, blind, nicht atmend, nicht wach und nicht schlafend, aber jeder Klumpen trug die Substanz des Lebens in sich. Als die Sonne geboren war, überflutete sie das Land mit goldenem Licht und wärmte die Höhlungen, unter denen die Ahnen seit undenklichen Zeiten schliefen. Als sie die Wärme der Sonne fühlten, spürten die Ahnen, wie ihre Körper Kinder gebaren. Alle lebenden Geschöpfe wurden so aus ihren Ahnen geboren und strebten ans Licht. Die Höhlungen begannen sich jetzt mit Wasser zu füllen und die Ahnen richteten sich aus dem Schlamm auf. Ihre Augen platzten auf und sie sahen ihre Kinder im Sonnenschein spielen. Sie öffneten den Mund und riefen „Ich bin!“ „Ich bin Schlange... Kakadu... Honigameise... Geißblatt!“, was die heiligste Strophe des Ahnen-Liedes war. Und sie schritten über die Erde und benannten die Dinge mit Namen, die für immer gelten sollten. Sie sangen ihren Weg durch die ganze Welt und hinterließen eine musikalische Spur. Als die Erde schließlich gesungen war, fühlten sie sich müde und kehrten zu den uralten Wasserlöchern zurück, die sie geboren hatten.

 

 

Unabhängig von ihrem erzählerischem Reiz sprechen diese Geschichten davon, dass das Wasser direkt mit der Gottheit in Verbindung steht und für den Menschen Wohl oder Wehe bringen kann. Für mich sind sie eine Mahnung dafür, dass der Mensch nicht leichtfertig mit Gottes Schöpfung umgehen darf, weil er sonst seine eigene Zukunft aufs Spiel setzt.

                            Dr. Anton Markmiller

 


 Schreiben Sie uns

Ihre Wünsche und Anregungen an  klaus.bergenthal@t-online.de