Marmor, Stein und Eisen bricht …

6. April 2003, Sonntag Mittag: Kein Durchkommen an der Kirchentür. Die Stufen von St. Otto sind in voller Breite belegt von Blumen, Engeln, Geschenken und einer Leuchterkuppel – Hochzeit oder was? Nein, Verabschiedung von Jutta Blümel, Pastoralreferentin im Dekanat Zehlendorf. Minutenlanger Applaus, dann stehende Ovationen. Jutta Blümel begibt sich zum Pult, muss sich schier festhalten, als würde sie von der Beifallswoge überrollt, und sie, die sonst für alles einen flotten Spruch parat hat, bekennt schlicht und ergriffen: „Ich bin sprachlos.“

Aber bei der Sprachlosigkeit blieb es nicht. Pfarrer Biskup eröffnete den Reigen der Würdigungen mit einem Verweis auf den diesjährigen Frauenkalender der Dekanats-Frauengruppe und dessen dreifaches Motto: „Leben bedeutet Veränderung, Zeit hinterlässt Spuren, Alter erzählt Geschichten.“ Die Spuren, die Frau Blümel in 12-jähriger Arbeit in St. Otto hinterlassen hat, leuchtete unser PGR-Vorsitzender Ulrich Zabel aus. Er sei sicher, dass sie diese Spuren nicht in den Sand gesetzt habe, sondern auf festen, stabilen Boden. Im Namen der Gemeinde überreichte er Jutta Blümel einen steinernen Engel, der in ihrem Garten „wachen“ soll, und von Tabea Katerbau und Christina Groß einen liebevoll gebastelten Stubenengel, der jetzt in ihrem neuen Büro steht. Frau Dill, die für wohltätige Zwecke schon so manche Handarbeit gefertigt hat, schenkte ihr zum Abschied einen Leuchter, ein laubgesägtes Prachtexemplar.

Von gemeinsamen Reiseerlebnissen inspiriert, boten die Gruppenleiter mehrere Sketche dar und lobten  ihre „Jutti“ im gleichnamigen Song als „tolle Brezel“. Höhepunkt der Show war die fernsehgerechte Wahl von Jutta Blümel zum „Superstar“ mit anschließender Verleihung einer Riesenschärpe. Inbrünstig tönte der umgedichtete Dank aus vielen Dekanats-Frauenkehlen: „Marmor, Stein und Ei-hei-sen  bri-hi-hicht, aber unsre Liebe nicht…“

Anton Markmiller hatte zufällig dasselbe Lied als Grundlage seiner witzigen Anerkennung gewählt und einen hochaktuellen Knalleffekt eingebaut:

          „Wird der Bischofssitz jetzt vakant,

          wär’ die Lösung doch sehr charmant.“

In allen Würdigungen taucht ihr Humor als typisches Merkmal auf. Weitere Attribute sind Kumpel und Powerfrau. Ein Kumpel macht alles mit, notfalls mit dezent nachsorgender Hand, wenn Jugendliche mal „Müll bauen“. Trotzdem ist Jutta Blümel eine unangefochtene Autorität. Als „Powerfrau“ wurde sie schon beim 10-jährigen Dienstjubiläum betitelt, stets voll Schwung und Ideen, auch wenn nicht alle Ideen auf die erwünschte und verdiente Resonanz gestoßen sind. Was hat diese Frau, die ursprünglich nie in die Gemeinde wollte, schließlich alles gemacht: Familienfreizeiten, Jugendarbeit, Altenbetreuung. Gern ließen sich Seniorinnen im Sommer unter den Bäumen des Pfarrgartens von ihr „betutteln“. Sehr gefragt war auch das gemütliche Beisammensein der Gruppenleiter bei ihr zu Hause in der Weihnachtszeit.

Für mich ist sie die Frau mit Zettel und Bleistift: Ob Friedensgebet, Bußgottesdienst oder Meditation, immer galt es etwas aufzuschreiben, damit man hinterher etwas Greifbares nach Hause tragen konnte – eben diesen Zettel oder einen Gegenstand. Als Seelsorgerin hat sie ein sensibles Gespür für die Nöte der Mitmenschen, denen sie im persönlichen Gespräch Trost und Hilfe spendet. Ihr Alles-Mitmachen heißt auch Kummer, Not und Trauer von anderen mittragen.

Wo bleibt sie selbst bei so viel Einsatz? Freizeit und völliges Abschalten sind nur bedingt möglich. Küster Clemens Fenski ermahnte sie am Ende, bei den drei Liebesgeboten der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe das Letztere auch wirklich zu beherzigen, worauf sie nach einer längeren Denkpause ein folgsames „Jaa“ hören ließ, das allerdings noch nicht gänzlich überzeugen konnte.

Für das, was noch offen ist, für das Neue, für alles: Gottes Segen in Fülle, liebe Frau Blümel!

                            Katharina Schmidt


 Schreiben Sie uns

Ihre Wünsche und Anregungen an  klaus.bergenthal@t-online.de