Das Kreuz mit dem Kopftuch

Ökumenischer Gemeindetag am 19.3.04

„So gebt Gott, was Gottes, und dem Kaiser, was des Kaisers ist“ (Lukas 20,25)

Unter dieser Losung stand der diesjährige Ökumenische Gemeindetag in der Kirche zur Heimat. Den meisten dürfte der Spruch in umgekehrter Reihenfolge bekannt sein. Pfarrerin Hornschuh-Böhm von der Gemeinde Schönow-Buschgraben legte in ihrer Einführung anschaulich dar, wie Überlieferung immer auch ein Stück Deutung für die jeweilige Zeit enthält.

Ursprünglich sei es wohl nicht um die doppelte Erwartung gegenüber Kaiser und Gott gegangen, sondern nur um die Loyalität dem Staat, d.h. der römischen Besatzungsmacht gegenüber. Wenn Lukas Abgesandte der Schriftgelehrten Jesus diese Fangfrage stellen lässt, will er in seiner Zeit (nach der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr. und der Zerstreuung des jüdischen Volkes) durch Entlastung der Römer und Belastung der Juden die christliche Gemeinde als politisch loyal darstellen und sie vor Verfolgung bewahren, damit sie ungehindert das Evangelium verbreiten kann.

Das neue Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Religion und Loyalität dem Staat gegenüber spiegelte sich im Thema des Ökumenetages: „Kreuz und Kopftuch: Europa mit oder ohne Gott?“ Dazu folgten zwei Vorträge, die natürlich auch auf die unterschiedlichen Bedeutungsmöglichkeiten des Kopftuches eingingen: religiös, politisch, traditionell, zum Schutz vor männlichen Blicken u.a.m.

Berthold Sommer, Richter am Bundesverfassungsgericht i.R., erläuterte die juristischen Erwägungen des sog. Kopftuch-Urteils. Das Grundgesetz bestimmt in Artikel 33 über die Zulassung zu öffentlichen Ämtern: „Niemandem darf aus seiner Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit zu einem Bekenntnis oder einer Weltanschauung ein Nachteil erwachsen.“ Die individuelle Freiheit ist ein hohes und schützenswertes Gut. 

Bei der klagenden Kopftuch-Lehrerin heißt das, ihr muss dieses Recht gewährt werden, solange sie nicht gegen anderes Recht verstößt. Das wäre der Fall, wenn sie versuchen würde, Schüler(innen) zu missionieren. Der bloße Verdacht reiche nicht aus. Wenn die Länder aber wegen des Kopftuchs einen Konflikt zwischen Schülern und Eltern befürchten, der den innerschulischen Frieden stört, müssten sie umfassendere Gesetze schaffen. Das würde wohl auf eine Entfernung alles Religiösen aus der Schule hinauslaufen, also auch des Kreuzes.

Dr. Ralph Ghadban, aus dem Libanon stammender, seit 1972 in der Bundesrepublik lebender Islamwissenschaftler an der Freien Universität Berlin, gelangte dagegen zu einer ganz anderen Bewertung der Kopftuch-Problematik. In Deutschland seien Kopftücher bei Musliminnen deutlich wahrnehmbar erst Ende der 80-er Jahre aufgetaucht. Die erste Generation türkisch-arabischer Einwanderer sei nicht wie geplant in ihre Heimat zurückgekehrt, sondern habe sich hier integriert oder war unauffällig. Von der aufnehmenden deutschen Gesellschaft wurden sie jedoch nicht als gleichwertig anerkannt. Das Problem besteht bis heute: Beide Seiten müssten erheblich mehr für die Integration leisten. Die zweite und noch viel mehr die dritte Generation wehrt sich inzwischen gegen die fehlende Anerkennung und kapselt sich bewusst ab. Manche der mehrfach Chancenlosen wenden sich dem Islamismus zu, der aber ein rückwärts gerichtetes Modell sei.

Es gehe nicht nur um das Kopftuch, sondern z.B. auch darum, Mädchen aus religiösen Gründen vom Sport- und Sexualkundeunterricht zu befreien. Heute stellen Moscheen solche Befreiungen aus, und sie werden im Namen der religiösen Toleranz von den Schulen akzeptiert.

Dr. Ghadban sprach sich entschieden dagegen aus, radikal-islamistischen Forderungen nachzugeben. Schon jetzt existiere in Deutschland eine Parallelgesellschaft, in der man kein Deutsch mehr brauche. Es bestehe die große Gefahr, dass ein radikaler Islam Freiheitsrechte für sich einfordert, die er Andersdenkenden gerade nicht gewährt. Deshalb müsse verhindert werden, dass diese kleine Minderheit der deutschen Gesellschaft ihre Vorstellungen aufzwinge.

 In der anschließenden Diskussion mit Zuhörern wurden verschiedene Aspekte noch vertieft. Dabei wurde deutlich, dass 70% der hier lebenden Ausländer türkischer oder arabischer Herkunft integriert sind. Nur 10% sind Extremisten, aber das sind diejenigen, die auffallen. Zuzüglich 20% geschätzter Sympathisanten ergibt sich eine Gesamtzahl von höchstens 30% , die unserer Gesellschaft ablehnend gegenüberstehen. Die Extremisten erreicht man nicht, aber bei den möglichen Sympathisanten müsse man sich verstärkt um Integration und Identifikationsangebote bemühen.

Wohin jedoch allzu nachgiebige Toleranz führen kann, zeigt das Beispiel einer Schülerin, die partout nicht von einem Mann unterrichtet werden wollte. Als das erreicht war, wollte sie im Weiteren auch nicht mehr von einer Christin unterrichtet werden.

Wie nicht anders zu erwarten, blieben die Meinungen bis zuletzt geteilt, aber mit jeweils  überzeugenden Argumenten. Die Einführung und die Vorträge waren vorzüglich, auch die Diskussion bewegte sich auf hohem Niveau. Insgesamt waren etwa 120 Interessierte zum Ökumenischen Gemeindetag gekommen, dessen Denkanstöße sicherlich nachwirken werden. 

                                                                                                                                                                         Katharina Schmidt                                       

 


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