Liebe Gemeindemitglieder!

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, singen die Freunde von Karneval und Fasching. „Am Aschermittwoch geht es los“, sagen alle, die sich bewusst auf Ostern vorbereiten wollen. In der Fastenzeit – liturgisch korrekt: österliche Buß-zeit genannt – können sie sich von neuem auf die Feier von Tod und Auferstehung des Herrn einstimmen. Sie finden dazu in den Pfarrnachrichten Gedanken über das Schweigen aus der Feder des Benediktiners Anselm Grün, der als geistlicher Schriftsteller nicht wenigen bekannt ist.

Ich lade Sie herzlich ein, sich Zeit zum Lesen und zum konkreten Anwenden zu nehmen.

Ihr Pfarrer

 

Ein Ort, an dem ich zur Ruhe finde

Eine Weise des Fastens besteht im Schweigen, im Verzicht auf die Worte. Das meint einmal, dass wir auf die vielen Worte verzichten, die täglich auf uns ein-strömen, auf die Worte im Radio und Fernsehen, auf die Worte in der Zeitung, auf die Worte bei vielen belanglosen Gesprächen. Die Fastenzeit möchte eine heilende Zeit sein. Seit jeher war in der geistlichen Tradition das Schweigen ein Raum der Heilung. Für Mönche ist das Schweigen ein Ort, an dem die aufgewühlten Emotionen zur Ruhe kommen. Wenn ich über meinen Ärger immer wieder rede, wird er stets von neuem aufgewühlt. Schweigen heißt nicht, dass ich den Ärger unterdrücke. Die Mönche gebrauchen da lieber das Bild des Weines. Er muss lange stehen bleiben, damit sich das Trübe setzt.

Viele Menschen können Stille nur schwer aushalten. Still kommt von stehen. Wer still ist, bleibt stehen. Er unterbricht den Lauf der Arbeit. Er bleibt mitten in der Hetze des Alltags stehen und hält inne. Im Deutschen gebrauchen wir das Wort „stillen“ von der Mutter, die ihr Kind stillt. Wenn ich still werde, komme ich mit meinem inneren Hunger in Berührung. Da schreit meine Seele nach Sättigung. Viele versuchen, diesen inneren Hunger dann zuzustopfen durch Essen, Trinken, Fernsehen oder Aktivitäten. Aber der zugestopfte Hunger wird immer wieder auftauchen. Er zwingt uns, uns immer wieder auf die Flucht zu begeben. Wir können die Stille nur aushalten, wenn wir unsere Seele von Gott stillen lassen, wenn wir unseren inneren Hunger und Durst von Gottes Wort zu Ruhe bringen lassen.

Wenn wir auf die vielen Worte verzichten, die täglich auf uns einströmen, und uns in den Raum des Schweigens zurückziehen, so werden wir erst einmal uns selbst begegnen. Und diese Selbstbegegnung ist nicht immer angenehm. Da taucht alles in uns auf, was wir verdrängt haben. Da kommt unterdrückter Ärger hoch, da kommen wir in Berührung  mit der Enttäuschung über uns. Da werden wir verunsichert, ob unser Leben so stimmt. Schuldgefühle steigen auf. Schweigen ist der Mut, stand zu halten, nicht zu flüchten. Dieses Standhalten gelingt nur, wenn ich mich mit allem, was in mir aufsteigt, annehme, wenn ich Ja sage zu mir, so wie ich bin.

Die Mönche kennen den Unterschied zwischen äußerem und innerem Schweigen. Sie erzählen von Menschen, die zwar äußerlich den Mund halten, aber innerlich ständig über die Brüder und Schwestern urteilen. Sie sind nicht bei sich, sondern auch im Schweigen ständig bei den anderen und beschäftigen sich lieber mit ihnen als mit der eigenen Seele. Dann nützt das Schweigen nichts. Dann macht es nur bitter und hart. Daher geht es im Schweigen darum, nicht nur auf die äußeren Worte zu verzichten, mit denen ich ständig meinen Kommentar abgebe und mich bei den anderen in Erinnerung rufe, sondern auch innerlich zu schweigen, mir jedes Urteil über die anderen zu verbieten. Das wäre eine wichtige Fastenübung, sich einmal zu beobachten, wie oft man über andere innerlich urteilt.

Schweigen heißt: bei sich bleiben, sich  nicht mit anderen vergleichen. Die anderen dürfen so sein, wie sie sind. Ich bin nicht ihr Richter.

Der zweite Schritt des Schweigens würde darin bestehen, alles loszulassen, woran ich mich festhalte. Auch an Worten kann man sich festhalten. Es gibt Menschen, die reden einen voll, die überschwemmen einen mit ihrem Wortschwall. Aber man kommt nicht an sie heran. Sie benutzen die Worte, um einer Begegnung aus dem Weg zu gehen. Sie lassen sich nicht verunsichern. Schweigen heißt: die eigene Sicherheit loslassen, sich dem stellen, was in mir ist. Und Schweigen heißt: frei werden von dem inneren Lärm meiner Gedanken, frei werden von den Emotionen, die mich besetzen, frei werden von den Leidenschaften, die mich im Griff haben.

Der dritte Schritt des Schweigens wäre das Einswerden mit Gott. Für die Mönche ist das Schweigen ein wichtiger spiritueller Weg. Wenn ich auch im Gebet vor Gott meine Worte lasse, dann gebe ich Gott die Möglichkeit, zu mir zu sprechen und mir zu begegnen. Und im Schweigen werde ich offen, mit dem unaussprechlichen Gott eins zu werden. Ich verzichte darauf, zu Gott zu sprechen und mir Gott durch meine vielen Worte vom Leib zu halten. Ich lasse Gott ganz an mich heran. Ich lasse ihn in mein stilles Herz eindringen. Die Mystik ist davon überzeugt, dass in uns schon ein Raum der Stille ist. Wir müssen das Schweigen gar nicht schaffen. Es ist schon in uns. Dort sind wir heil und frei. In diesen Raum des Schweigens zu gelangen, in dem das Geheimnis Gottes in uns wohnt, ist das Ziel des Schweigens und das Ziel der Fastenzeit.

                          Anselm Grün

(entnommen der Kirchenzeitung für das Erzbistum Berlin, Nr. 7)

 


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